Noncia Markowska

  • Noncia Markowskas Enkel erinnert sich (2023, © RomaniPhen e.V.)

Der Überfall

Der Einfall Deutschlands in Polen im September 1939 markiert den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Der Feldzug dauerte nur einen Monat, bevor die polnischen Truppen im Oktober 1939 kapitulierten. In dieser kurzen Zeit richteten jedoch sowohl an der Front Teile der Wehrmachtstruppen als auch hinter der Front die sogenannten Einsatztruppen, ein von Heinrich Himmler zusammengestelltes Gemenge aus Sicherheitspolizei und Sicherheitsdienst, wahre Blutbäder an. Aus Deutschland erfolgten ab Mai 1940 Deportationen jüdischer und Sinti*zze- sowie romani Familien in Arbeits- und Konzentrationslager auf polnischem Gebiet.

Alfreda Markowska Noncia wurde 1926 in Polen bei Stanisławów im östlichen Kresy in eine wohlhabende, Pferdezucht und Handel betreibenden Familie geboren.

Ab 1939 befanden sich Rom*nja, die als rassistisch stigmatisiertes Gruppe verfolgt und vernichtet werden sollten, auf der Flucht. Viele versteckten sich schutzsuchend in den Wäldern, so auch die Familie von Alfreda Markowska Noncia. Doch 1941 entdeckten und überfielen Nazis in Biała Podlaska ihre Familie. Als die 16-jährige Alfreda Noncia Markowska mit Lebensmitteln zu ihrer Familie zurückkehrte, fand sie das gesamte Tabor zerstört. Bald nach der Ermordung ihrer Familie wurde sie gefasst und in verschiedene Zwangsarbeitslager bzw. Ghettos, unter anderem Lublin, Łódź und Bełżec deportiert. Doch ihr gelang immer wieder die Flucht. Nachdem sie aus der letzten Haft entkommen war, machte sie sich auf den Weg nach Rozwadów Stalowa Wola. Hier arbeitete ihr Mann mit anderen Rom*nja als Zwangsarbeiter für die Organisation Todt, eine paramilitärische Bautruppe der Nazis. Sie besorgte eine gefälschte «Kennkarte» sowie einen Ausweis und wurde als Bahnarbeiterin registriert. An den Bahnschienen wurde sie zur Zeugin der unmenschlichen Transporte in die umgebenden Lager. Sie verlegte Bahnschienen und wartete die Gleise – die Arbeiter:innen waren auch gezwungen, die Toten aus den Deportationszügen zu tragen.

Eines Tages übergab eine Frau aus dem Zug nach Auschwitz Alfreda Markowska Noncia heimlich ihren Sohn. Sie brachte ihn unbemerkt in das Barackenlager, in dem sie mit ihrer Familie lebte. Der Name des Jungen war Karol Gierliński Parno. Er war deutscher Sinto und später einer der Kinder, die Alfreda Markowska Noncias Geschichte bezeugten. Er erhielt von seiner Mutter einen Zettel mit dem Namen seiner Großmutter und ihrer Adresse in Warthegau bei Posen. So konnte er durch einen benachrichtigten Familienangehörigen sicher zu seinen Großeltern gelangen, wo er durch den deutschen Namen seines Großvaters zunächst geschützt blieb. Doch nachdem der Großvater verstarb, deportierten die Nazis ihn und seine Großmutter als Zwangsarbeiter:innen nach Hamburg. Beide überlebten und kehrten nach dem Krieg zurück nach Polen.

Derweil rettete Alfreda Noncia Markowska unter Lebensgefahr nicht nur diesen einen Jungen. Sie suchte an Massenerschießungsplätzen im Umkreis von 100 km unter den Leichen nach überlebenden Kindern und holte weitere Kinder aus den Zügen. Sie brachte die Kinder zu sich nach Hause und sorgte für ihr Überleben. Dazu suchte sie Verwandte bzw. bereitwillige Pflegefamilien, fälschte Dokumente, besorgte Essensmarken und Reiseunterlagen. Noncia, selbst eine Jugendliche, rettete über die gesamte Besatzungszeit unter Lebensgefahr ohne Unterschied Rom*nja, jüdische und andere Kinder.
Karol Gierliński Parno zufolge waren zeitweise mehr als zehn Kinder gleichzeitig in ihrer Obhut. Wie viele Kinder sie insgesamt bis zum Ende des Krieges retten konnte, wusste sie selbst nicht mehr. Schätzungen von gehen von 50 Kindern aus.

Wandgemälde in Gorzów Wielkopolski (2023, ©RomaniPhen e.V. )

Erinnerung

Mehr als 40 Jahre später, am 17. Oktober 2006, erhielt die über 80-jährige Alfreda Noncia Markowska eine der höchsten polnischen Auszeichnungen. Sie ist die einzige Romni, die dieses Ehrenzeichen erhalten hat. Die Zeremonie führte der polnische Präsident Lech Kaczyński im Präsidentenpalast persönlich durch. Alfreda Markowska Noncia Markowska ist 2021 im Alter von 95 Jahren von uns gegangen. Eine Entschädigung für die Verfolgung hat sie nie bekommen.