Kampf für ein Denkmal

  • Demonstration 2003 für den Bau des Denkmals
    (© Zentralrat Deutscher Sinti und Roma)

Späte Anerkennung

In Deutschland wurde der rassistisch begründete Völkermord an Sinti*zze und Rom*nja durch Bundeskanzler Helmut Schmidt 1982 politisch anerkannt. Diese Anerkennung geschah sehr spät, 37 Jahre nach dem Ende des NS-Regimes. Für die Überlebenden, für ihre Familien und für die Selbst-Vertretungsorganisationen war dies dennoch ein bedeutsames Ereignis. Sie bildete auch die Grundlage der öffentlichen Gedenkkultur.

Das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas an einem zentralen Ort in Berlin musste trotzdem erst durch Selbstorganisationen und weitere solidarische Organisationen und Einzelpersonen erkämpft werden. Weitere 30 Jahre dauerte es bis zu seiner Einweihung.

Debatte um ein gemeinsames Denkmal für alle rassistisch verfolgten Opfergruppen

Zunächst wurde die Idee eines gemeinsamen Denkmals für alle Opfergruppen des Holocaust diskutiert. 1989 forderte Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, ein solches Denkmal. Zu einem solchen gemeinsamen Gedenken gab der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis, kein Einverständnis. Insbesondere setzte sich die 1988 gegründete Berliner Bürgerinitiative Perspektive Berlin mit der Argumentation der Singularität der Shoah gegen ein gemeinsames Denkmal ein. Diese erste Debatte endete mit einem Beschluss des Deutschen Bundestages: Es sollten getrennte Denkmäler errichtet werden. 1992 beschloss auch die Bundesregierung die Errichtung eines eigenen Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti*zze und Rom*nja Europas.

Verlegung der «Steine des Anstoßes» (© Ulrike Last)

Debatte um ein gemeinsames Gedenken an Täter:innen und Opfer

Zu einer weiteren Debatte führte der Vorschlag von Bundeskanzler Helmut Kohl, die Erinnerung an alle «Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft» in einem Denkmal zusammenzufassen. In Berlins Neuer Wache sollte somit aller Personen, die im Krieg ihr Leben verloren hatten, gemeinsam gedacht werden. Konkret hieß das, der NS-Opfer und im Krieg gefallener SS-Männer am selben Ort, zur selben Zeit zu gedenken. Die Verbände der NS-Opfer stellten sich gegen diesen Vorschlag und er konnte erfolgreich abgewehrt werden. Damit war der Weg zu einem eigenen Denkmal wieder eröffnet.

Debatte um den Ort des Denkmals-Mahnmals

1994 schlug der Berliner Senat als zuständige Landesregierung einen Standort in der räumlichen Nähe des Reichstagsgebäudes und zur Denkmal für die ermordeten Juden Europas vor, es wurden aber keine weiteren Schritte zur Errichtung unternommen. Die Errichtung wurde nicht beschlossen, weil die vorbereitete Senatsvorlage mit dem Amtsantritt neuer Regierungsparteien verworfen wurde. Die CDU verhinderte 1995 einen Beschluss, nachdem sie an die Macht gekommen war. Der neue Regierende Bürgermeister Berlins, Eberhard Diepgen, wollte das Denkmal in Berlin-Marzahn bauen lassen, also am Stadtrand. Hier war 1936 das erste Zwangslager für Sinti*zze und Rom*nja in Berlin errichtet worden. Diepgen argumentierte gegen eine «Anhäufung von Denkmälern im Zentrum der Stadt», sein Parteikollege und damaliger Fraktionsvorsitzender sagte 1999 in der Berliner Zeitung: «Wir müssen noch erhobenen Hauptes durch die Stadt gehen können.»

Schon 1994 hatten jedoch Bausenator Wolfgang Nagel und Kultursenator Ulrich Roloff-Momin vorgeschlagen, das Denkmal in der Nähe des Reichstagsgebäudes zu errichten. Dieses Vorhaben wurde von verschiedenen Politiker:innen bekräftigt, aber auch von Bundespräsident Roman Herzog.

Den Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma und die Forderung nach einem Denkmal-Mahnmal im Zentrums Berlins unterstützten viele Prominente, unter anderem auch der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Andreas Nachama, sowie die Historiker Wolfgang Wippermann und Wolfgang Benz.

Der Ausschuss Sinti und Roma der Liga für Menschenrechte setzte sich ebenso für ein Denkmal ein und rief von 1996–1999 jährlich zu einer Protestaktion auf. Der Ort war das Gelände des geplanten Denkmals. Die Protestierenden wurden aufgefordert, Steine für die symbolische Errichtung zur Kundgebung mitzubringen. Die Demonstrationen wurden in der Presse aufgegriffen und erhöhten den politischen Druck.

Steine des Anstoßes (© Rainer Jaroschek)

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma organisierte 1999 eine Kundgebung auf dem Denkmals-Gelände, bei der er ein Schild mit folgender Aufschrift anbrachte:

Hier entsteht das nationale Holocaust-Mahnmal für die im NS-besetzten Europa ermordeten Sinti und Roma aufgrund der Zusagen des Berliner Senats, der Bundesregierung und des Deutschen Bundestags.

Letztlich führte das zivilgesellschaftliche Engagement zum Beschluss, das Denkmal am heutigen Ort zu errichten. Der Zentralrat plädierte für die Beauftragung des Architekten Dani Karavan. 2001 übergab er der Bundesregierung 1.630 Unterschriften von Überlebenden, die sich für die Umsetzung des Karavan-Entwurfs aussprachen.

Hier entsteht das nationale Holocaust-Mahnmal (© Ulrike Last)

Debatte um die Inschrift

Als die Debatte um den Ort beigelegt und nach Diskussionen um die künstlerische Gestaltung der Architekt Dani Karavan beauftragt worden war, begann eine neue Debatte. Diesmal ging es um die Inschrift. Die neue Staatsministerin für Kultur und Medien, Christina Weiss, weigerte sich, die Entscheidung ihres Amtsvorgängers Julian Nida-Rümelin umzusetzen und ein Zitat von Roman Herzog für die Inschrift zu nutzen. Stattdessen griff sie das Anliegen der Sinti Allianz auf, eines Vereins, der damals erst in Gründung war. Die Sinti Allianz plädierte dafür, anstatt Sinti und Roma den Begriff Z̶i̶g̶e̶u̶n̶e̶r zu nutzen. Die Ministerin stellte somit das Anliegen eines neuen Vereins gleichberechtigt neben den klaren Widerspruch der langjährig bestehenden großen Vertretungsorganisationen wie des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, der ihm angeschlossenen Landesverbände, der Cinti und Roma Union Hamburg sowie der Romani Union Berlin. Die Verantwortung für die Übereinkunft wurde damit auf die Opferverbände verlagert, die Entscheidung würde aber die Bundesregierung treffen. In die Debatte mischten sich von Anbeginn auch Akteur:innen ein, die weder in die Arbeit von Selbstorganisationen involviert noch selbst Angehörige der Minderheit waren. Nach langjährigen Kämpfen für die Einrichtung begann so die nächste lange und leidvolle Debatte, diesmal um die Inschrift. Die Selbstorganisationen – mit Ausnahme der Sinti Allianz – mussten nun darum kämpfen, dass ihrer ermordeten Menschen nicht mit einer entwürdigenden Bezeichnung in Täter:innen-Sprache erinnert wird.

Als im Dezember 2007 auch diese Debatte beendet war, einigte sich der Zentralrat mit der Bundesregierung, als Inschrift das Gedicht «Auschwitz» des Schriftstellers Santino Spinelli einzusetzen. Daneben sollte eine Chronologie der NS-Verfolgung installiert werden. In der Täter:innen-Sprache wurde in dieser Chronologie der sukzessiven Verfolgung die rassistische Sammelbezeichnung verwendet. Durch die Verwirklichung dieses Konzepts endeten die Kämpfe um den Bau des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas.