Hanau ist überall

  • Audio des Redebeitrags Hanau ist überall 19.02.2022 (2022, © RomaniPhen e.V.)

Hanau ist überall. Hanau ist in Deutschland.

Am 19.02.2020 wurden in Hanau bei einem Anschlag aus rassistischen Motiven neun Menschen umgebracht. Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Hamza Kurtović, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und unter ihnen auch die Rom*nja: Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov und Vili-Viorel Păun. Der Audiobetrag ist eine Rede von Svetlana Kostić (RomaniPhen e.V.) zum Gedenktag an die Ermordeten.

Laut der Studie RTV Trend Report 2020 Right-Wing Terrorism and Violence in Western Europe, 1990–2019 von dem Center for Research on Extremism: The Extreme Right, Hate Crime and Political Violence University of Oslo, 2020, gab es in keinem anderen Land in Westeuropa zwischen 1990–2019 so viel schwere rechte Gewalt wie in Deutschland.
In Deutschland besteht eine Lücke in der Erfassung rassistischer Hassverbrechen und eine große Diskrepanz zwischen der Zählung von Todesopfern rechter Gewalt von staatlichen Behörden und von unabhängigen Organisationen sowie Journalist:innen. Während in den Jahren zwischen 1990 und 2019 die Bundesregierung 113 Tötungsdelikte als rechts motiviert zählt, ergeben Recherchen der Amadeu Antonio Stiftung mindestens 219 Todesopfer rechter Gewalt (Stand 2019).

Abgedruckter Redebeitrag vom 19.02.2022

Wir von der IniRromnja und dem feministischen Archiv RomaniPhen begrüßen euch alle sehr herzlich!

Leider können wir heute nicht dabei sein, aber wir möchten unsere Worte der Trauer und des Mitgefühls mit euch teilen. Wir möchten auch unseren Respekt für den langen und zermürbenden Kampf der Angehörigen um eine angemessene Aufarbeitung des rassistischen Terrors ausdrücken.

Wir wurden gebeten, uns in unserer Rede direkt auf Mercedes Kierpacz zu beziehen. Tatsächlich haben wir vor zwei Jahren eine Nachricht von einer Kollegin bekommen, dass eine Romni in Hanau ermordet wurde. Darauf folgten weitere Nachrichten, wie jung sie war, dass sie zwei Kinder hinterlässt, dass sie schwanger war, dann die Bekanntmachung ihrer Beerdigung. Parallel zu den WhatsApp-Nachrichten hatte die Presse bereits über den rassistischen Terroranschlag berichtet, die ersten Zeuginnen meldeten sich zu Wort.
Wir waren erstarrt, erschüttert, bestürzt, fassungslos… Wir begannen Gespräche untereinander, mit anderen PoCs/Migrantinnen – mit Menschen, die in Deutschland Rassismus erleben. Wir fühlten uns angesichts des rassistischen Terrors enger verbunden.
Die Eltern haben ihre Tochter verloren, die Kinder ihre Mutter, die Familienangehörigen eine fleißige, fröhliche, liebenswerte Schwester, Cousine, Tante, Nichte, Enkeltochter. Wir als Rom*nja-Community, die nicht direkt verwandt oder bekannt waren mit der Familie Kierpacz, fühlten auch einen tiefen Schmerz, wir spürten den Verlust und neue aufkommende Ängste.

Dieser Anschlag steht in einer deutschen rassistischen Tradition. Vor 77 Jahren endete der Völkermord an unseren Menschen, denen in Deutschland und europaweit die Menschlichkeit abgesprochen wurde. Heute gilt unser größter Respekt denen, die seit zwei Jahren unermüdlich auf den Rassismus, auf die strukturelle Diskriminierung, auf die Ignoranz der Verantwortlichen hinweisen und für Aufklärung kämpfen. Unsere Wertschätzung gilt heute denen, die trotz der Trauer, des Verlustes und des alltäglichen Schmerzes die Kraft aufbringen zu erinnern und zu gedenken.