Bürger:innenrechte

  • Gedenkveranstaltung im ehemaligen KZ-Natzweiler (© Ilona Lagrene)

BÜRGER:INNENRECHTSBEWEGUNG IN DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

«Weil bei Euch so viele Hakenkreuzler übriggeblieben sind, die wussten, wie man eine Entschädigung an uns verhindert, war unser Kampf vergeblich»

(Melanie Spitta: Das falsche Wort, 1987).

Als erste Bürger:innenrechtsorganisation der Sinti*zze und Rom*nja in Deutschland nach 1945 ist 1956 die Interessengemeinschaft der rassisch Verfolgten nichtjüdischen Glaubens Leben gerufen worden. Die Brüder Oskar und Vinzenz Rose, die viele Familienmitglieder im NS verloren hatten, setzten sich für eine juristische Aufarbeitung des Völkermords ein. So hatte Oskar Rose mithilfe eines Privatdetektivs u.a. einen der führenden Köpfe der Rasseforschung an Sinti*zze und Rom*nja ermittelt und angezeigt. Dieses Verfahren wurde jedoch, wie die meisten Verfahren gegen Täter:innen, von der Staatsanwaltschaft eingestellt. Oskar Rose verstarb 1968, sein Bruder Vinzenz engagierte sich weiterhin. So errichtete er 1974 auf dem Gelände des ehemaligen Lagers Auschwitz-Birkenau mit eigenen Mitteln ein Mahnmal. Es gilt als das erste Mahnmal, das an den Genozid an Sinti*zze und Rom*nja erinnert.

Schon drei Jahre vorher, 1971, hatte Vinzenz Rose gemeinsam mit Romani Rose das Zentral-Komitee der Sinti West-Deutschlands gegründet, das später zum Verband Deutscher Sinti wurde. Außerdem entstand zu dieser Zeit auch das Zentralkomitee der Sinti, das eine bundesweite Vertretung der deutschen Sinti*zze anstrebte, sich gegen weitere Diskriminierungen engagierte und für eine Entschädigung der NS-Opfer eintrat. 1973 organisierte der Verband deutscher Sinti eine große Demonstration, nachdem der unbewaffnete Sinto Anton Lehmann von der Polizei erschossen worden war. Seit 1979 und im Zusammenhang mit der Zusammenarbeit der Gesellschaft für bedrohte Völker fanden die politischen Bemühungen der Überlebenden und der Nachkriegsgeneration ein größeres öffentliches Gehör. Sie organisierten spektakuläre Kundgebungen, etwa 1979 auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen, wo 2.000 Menschen zusammenkamen, darunter auch viele Rom*nja und Sinti*zze aus anderen europäischen Ländern, Vertreter:innen anderer Opfergruppen und Politiker:innen. Gemeinsam mit der internationalen Romani Union, der Gesellschaft für bedrohte Völker und dem Verband Deutscher Sinti wurde ein Memorandum mit wichtigen politischen Zielen an das Bundeskanzleramt übergeben. 1980 traten Überlebende und jüngere Generationen am Karfreitag auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte in Dachau in einen einwöchigen Hungerstreik. Die Bürgerrechtler:innen demonstrierten gegen die weitere Kriminalisierung von Sinti*zze und Rom*nja. Sie verlangten eine Beendigung der polizeilichen Erfassung und Auskunft über den Verbleib der Akten aus den Landfahrerzentralen.

Ein Teil der Rassegutachten aus der NS-Zeit wurde zu diesem Zeitpunkt noch an der Tübinger Universität genutzt. 1981 besetzten 18 Sinti*zze den Keller der Tübinger Universitätsarchivs und verlangten die Herausgabe der Akten. Letztlich wurden die Akten in das Bundesarchiv überführt. 1982 gründete sich der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma als Dachverband von neun Landesverbänden. 1983 demonstrierten Sinti*zze und Rom*nja erneut gegen die weiter vorherrschende Kriminalisierung und Erfassung vor dem Bundeskriminalamt in Wiesbaden.

Nachdem 1982 der Genozid an den Sinti*zze und Rom*nja endlich politisch anerkannt worden war, konnte 15 Jahre später, 1997, die Dauerausstellung zum Völkermord an Sinti*zze und Rom*nja im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg eingeweiht werden.

In den 1980er Jahren sorgte die Arbeit der Bürgerrechtlerin, Publizistin und Filmemacherin Melanie Spitta für eine detaillierte Offenlegung von Dokumenten zum Genozid und der Situation von Sinti*zze nach 1945 in Deutschland. Für ihre Filmprojekte, die sie gemeinsam mit Katrin Seybold realisierte, recherchierte sie unzählige bis dahin unbekannte Dokumente, Fotografien und Ereignisse. Sie vertrat feministische Positionen, äußerte sich neben der geschichtlichen Verfolgung und den Entschädigungsverfahren auch zur gegenwärtigen Diskriminierung durch die Institutionen der Sozialen Arbeit und in der Schule. Sie führte Interviews mit Überlebenden und mit der jüngeren Generation, sie ließ viele Betroffene zu Wort kommen und war damit entscheidend an der Dokumentation der an Sinti*zze begangenen Verbrechen sowie an deren Lebenssituationen nach 1945 beteiligt.

Auch das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas geht auf das jahrzehntelange Engagement der deutschen und anderer europäischer romani Bürger:innenrechtsbewegungen zurück. Es konnte 2012 eingeweiht werden.