Ceija Stojkas Signatur: ein Ast aus Bergen-Belsen
Erinnern mit Bildern
Nuna Stojka erzählt über ihre Schwiegermutter.
Das ist der Ast von Bergen-Belsen.
In Bergen-Belsen, da gab es nichts zu essen. Es kam keiner in die Lager rein und die ganzen Soldaten und die Nazis haben eigentlich alles von draußen dirigiert und sie sind immer herumgegangen in den Lagern. Sie und noch zwei kleine Kinder und haben Essen gesucht. Immer irgendetwas, das Sie finden können, dass Sie was in den Mund stecken können.
Und dann haben Sie einen Baum entdeckt und dieser Baum war dann ihre Rettung. Auf dem Baum sind kleine Blätter gewachsen und in der Mitte von dem Baum, es war noch ein kleiner Baum, ein junger Baum, ist ein Harz – das war noch so offen, wie soll ich dir das erklären? Wenn ein Baum in der Mitte, oben Richtung Krone so auseinander sich biegt, da ist Harz herausgekommen und dieses Harz haben sie sich herausgeholt und zusammengedreht und dann haben sie das gekaut und die Blätter natürlich. Die Blätter waren dann ihre Nahrung.
Und das war eigentlich für Sie ja, ihr Lebensbaum. Der gar nicht überlebt. Sie sind immer wieder dorthin gegangen und haben sich ein paar Blätter und Zweige und eben dieses Harz rausgeholt aus dem Baum. Und deswegen wie ich dann mit ihr in Bergen-Belsen war, da hat sie einen Ast mitgenommen, den sie gefunden hat. In diesem Lager hat sie den gefunden. Das war arg, wie ich da war mit ihr und sie hat das dann gefunden, irgendwie auf diese Stelle, wo sie waren. Sie konnte sich erinnern, wo diese Hütte war, also diese Baracke, wo sie war mit ihrer Mutter. Der Baum war abgestorben natürlich von den vielen Leichen die damals dort herumgelegen sind. Aber es gab noch einen kleinen Stumpf, der noch existiert hat und ein paar so Zweige ganz ausgetrocknet natürlich und nichtssagend eigentlich. Aber sie hat es so ausgegraben aus der Erde und hat sich diesen Ast mitgenommen.
Ja, und das war dann eben ihr Zeichen. Das ist dann immer wieder bei ihren Bildern bis zum Schluss. Es kann sein, dass sie zwei Mal nicht gemacht hat. Aber im Großen und Ganzen hat sie das eigentlich auf allen ihren Bildern gemacht. Es war so wie eine Signatur ein Zeichen von ihr mit ihrer Unterschrift. Manchmal hat sie auch nur also CS, also Ceija Stojka abgekürzt, gar nicht den Namen, dafür aber den Ast.
Das Malen
Ceija Stojka – Das Malen
Später dann hat sie noch angefangen zu malen. Ihre Zeichnungen, ihre Bilder sind wunderbar. Sie hängen auf der ganzen Welt. Selbst in Amerika und Japan.
Sie war in Japan 1989, wo ich nicht dabei war. Da ist sie mit einer burgenländischen Romni von hier, von Österreich nach Japan geflogen, wo sie eingeladen war. Ceija hat auch dort Schulen besucht und Kindergärten. Als sie Japan verlassen hat, haben Kinder zu ihr gesagt: «Bitte liebe Tante Ceija, lass uns irgendetwas da, dass uns an dich erinnert.» Und sie hat gesagt: «Okay, ich werde euch ein Bild schicken.» Hatte aber gedacht an meine Tochter und an ihre zweite Enkelin, die Simona, die Kinder waren und damals schon sehr gerne gemalt und gezeichnet haben. Sie hat zu ihnen gesagt: «Bitte malt mir ein Bild, ich muss es nach Japan schicken.» Die Kinder wollten nicht so recht. Und dann hat sie selbst den Stift genommen und das Papier und hat gesagt: «Ceija, Du kannst so viel. Du wirst doch ein Bild malen können für die Kinder.» So hat das eigentlich angefangen. So hat sie ihr erstes Bild nach Japan geschickt, in den Kindergarten.
Auf einmal ist sie darauf gekommen und hat Lust bekommen. Es hat ihr gefallen zu malen. Dann hat sie Schwarz-Weiß-Bilder gemacht, mit ganz, ganz argen schrecklichen Gesichtern, mit Stiefeln, mit dem Stacheldraht und was sie eben dort erlebt hat. Aus der Sicht eines Kindes. Sie war zehn damals und so hat sie das auch oft gemalt. Sie hat das ja nie gelernt.
Und natürlich kamen auch schöne bunte Bilder von der Zeit, als Sie mit ihren Eltern und Großeltern unterwegs war, in den Ländern mit Wohnwagen, mit Blumen, mit Wiesen. Heute gibt es sehr viele von den Bildern, auch in Deutschland. Wir hatten hier große Ausstellungen überall und sehr viele Menschen haben ihre Bilder auch gekauft, überall zu Hause hängen.