Sinti*zze in der DDR

Sinti*zze in der DDR

Gedenkstein auf dem Friedhof Marzahn, Berlin.

Gedenken in der DDR

Dr. Jane Weiß

Die DDR begriff sich nicht als Nachfolgestaat des NS-Staates, sondern als ein neuer sozialistischer Staat, entstanden aus dem antifaschistischen – vor allem kommunistischen – Widerstand. Im Zentrum von öffentlichem Gedenken und Erinnerung standen dem folgend der politische Widerstandkampf und damit die politisch Verfolgten und Opfer. Alle anderen Opfergruppen waren im öffentlichen Gedenken marginalisiert, teils instrumentalisiert oder ignoriert. Das änderte sich erst zögerlich im Laufe der 1980er Jahre.

In der DDR lebten nur wenige Sinti*zze (ca. 300-600 Menschen). Das waren jene Überlebenden nationalsozialistischer Verfolgung, der Konzentrations- und Festsetzungslager, die mit ihren verbliebenen Angehörigen ihre Familien erhalten und neue gründen konnten. Als Minderheit waren sie im Gegensatz zu Sorb:innen staatspolitisch nicht anerkannt.

Rechtlich-strukturell waren Sinti*zze als DDR-Bürger:innen allen anderen gleichgestellt, gleichzeitig traf sie eine bis in den Staatsapparat weit verbreitete Ignoranz gegenüber Geschichte(n) und Kultur(en) der Community sowie ein kaum gebrochener Alltagsrassismus. Daneben machten sie punktuell die Erfahrung, dass Rassismus gegen sie staatlicherseits geächtet und geahndet wurde.

Seit Mai 1946 war für Sinti*zze und Rom*nja in der SBZ und späteren DDR die Anerkennung als aus rassistischen Gründen Verfolgte möglich. Doch finden sich rassistische Vorstellungen in den Durchführungsbestimmungen der gesetzlichen Regelungen wieder, z. B., dass die Anerkennung an den Nachweis eines festen Arbeitsplatzes gebunden war. Zudem waren die bürokratischen Hürden für die Anträge sehr hoch, umfangreiche Dokumente und Nachweise mussten erbracht werden. Dies galt zwar für alle Verfolgte, doch Sinti*zze hatten nach dem Krieg so gut wie keine für sie nutzbaren staatlichen oder zivilgesellschaftlichen Unterstützungsstrukturen. Aus den bisher bekannten Einzelschicksalen wissen wir: Es gab Überlebende, die früh und unproblematisch anerkannt wurden, es gab solche, die lange kämpfen mussten und weiße Verbündete brauchten, es gab Überlebende, denen die Anerkennung verwehrt wurde oder solche, die überhaupt keinen Antrag gestellt haben.

Ihre Verfolgungsgeschichten wurden erst in den 1980er Jahren Teil der offiziellen Gedenkpolitik der DDR. Einen angemessenen Platz im öffentlichen Gedenken an den nationalsozialistischen Genozid an den europäischen Rom*nja und Sinti*zze gab es in der DDR nie. Lediglich die 1985 erneuerte ständige Ausstellung der zentralen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald erhielt eine Schautafel zur Opfergruppe der Sinti*zze und Rom*nja im Lager. 1986 wird in Berlin auf dem Friedhof Marzahn ein Gedenkstein für die im Zwangslager Marzahn misshandelten und nach Auschwitz deportierten Sinti*zze und Rom*nja eingeweiht. Die Überlebenden und ihre Angehörigen wurden dazu nicht eingeladen.

Allen DDR-Bürger:innen bekannt ist die junge Sintizza Unku (bürgerlich Erna Lauenburger), die zusammen mit ihrer Familie im Kinderbuch „Ede und Unku“ von Alex Wedding verewigt ist und in dieser Erzählung mutig und selbstbewusst agiert. Das Buch gehörte zur Pflichtliteratur im Deutsch-Unterricht der DDR. Das grausame Schicksal Unkus, ihrer kleinen Töchter Marie und Bärbel, ihres Mannes und weiteren Angehörigen, die im Nationalsozialismus ermordet wurden, war jedoch weniger thematisiert.

Selbstorganisationen oder Initiativen zur Erinnerungspolitik aus den Communitys der Sinti*zze in der DDR sind bisher nicht bekannt. Trotzdem gestalteten Sinti*zze in der DDR communityeigene Kultur(en) und Geschichte(n), pflegten ihre Sprache Romanes, familiäre und communityeigene Strukturen und das ehrenvolle Gedenken an ihre verfolgten und ermordeten Angehörigen. Sinti*zze waren ein wahrnehmbarer Teil der Kunst- und Kulturproduktion der Republik: sie wirkten als – wenn auch exotisierte – Darstellende in DEFA-Filmproduktionen mit, waren aktiver Teil von Jugendkultur, etablierten sich, wie z.B. die Gruppe „Sinti-Swing-Quintett“ als professionelle Musikgruppe mit Auftritten in Clubs, Theatern, Radio und Fernsehen, hinterließen Spuren im künstlerischen Erbe der DDR.