Ceija Stojka

Nuna Stojka erinnert sich an Ceija Stojka (2023, © RomaniPhen e.V. )

Ich bin die Nuna, die Schwiegertochter von Ceija Stojka. Ich bin seit 1980 ihre Schwiegertochter. Ich habe zwei Kinder mit meinem Mann, mit dem Sohn von Ceija, und mittlerweile sind wir schon 41 Jahre lang zusammen. Für mich war Ceija von Anfang an eigentlich nicht wie eine Schwiegermutter. Manchmal verstehen sich Schwiegertochter und Schwiegermutter nicht. Sie war für mich eigentlich immer meine zweite Mama. Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis mit ihr.

Eines Tages hat sie mich gefragt, als sie ihre Bücher geschrieben hat: «Nuna kannst du lesen?» Und ich sagte: «Ja»! «Dann wirst du mich begleiten auf meinen Reisen.» Und so hat es dann angefangen. Meine erste Reise mit ihr war nach Ravensbrück. Das war 1989. Wir haben dann das Lager besucht, und es war für mich etwas ganz, ganz Außergewöhnliches. Ich hatte vorher so etwas noch nie gesehen. Ich war sehr, sehr beeindruckt und natürlich auch sehr traurig. Ich dachte, was hatte Ceija da als Kind erlebt? Das muss sehr, sehr grausam für sie gewesen sein. Mein Verhältnis zu ihr war sehr gut, muss ich sagen, und sie fehlt mir heute mehr denn je. Gerade in der heutigen Zeit hätte ich sie sehr gebraucht. Sie war eine liebevolle Großmutter und eine sehr, sehr liebe, gute Frau und ich habe sie sehr geliebt, diese Frau.

Ich habe ihr versprochen, bevor sie uns verlassen hat, dass ich in ihrem Namen weitermachen werde, dass sich diese Geschichte nicht wiederholen darf und dass die Jugend Obacht und aufmerksam ist, dass sie weiß, was damals passiert ist. Es ist lange her, aber man darf es nicht vergessen.

«Es ist so viel passiert und die Roma haben so viel gelitten. […] Und wer soll unsere Kultur weitertragen? Ich bin bereit, ich mache es. Obwohl ich ein bisschen Hemmungen habe. […] Aber ich will eine Aussage machen, solange ich es darf und kann, auch wenn sie noch so klein ist. Weil es ja für die Nachkommen, für unsere Kindeskinder und für die Roma in Österreich und auch für die in anderen Ländern eine gute Aussage ist»

(Ceija Stojka 2013).
Nuna Stojka ( 2022, © Nuna Stojka)

Ceija Stojkas Unbeschwerte Kindheit

Ceija wurde als reisendes Kind geboren. Sie war das vierte Kind ihrer Familie, insgesamt waren es sechs Kinder. Es waren zwei Brüder und vier Mädchen. Sie wurde noch als Reisende geboren und das war für sie eine schöne Zeit, die sie erlebt hat, damals mit ihren Eltern und Großeltern, mit Pferd und Wagen unterwegs zu sein. Sie hatte eine unbeschwerte Kindheit. Bis natürlich 1938 das Ganze angefangen hat, 1939. Ceija war geboren. Damals war sie sechs oder sieben Jahre alt, als das Ganze schon begonnen hat.

Ceija Stojka (© Nuna Stojka)

Beginn der Verfolgung

Man hat am Anfang ihren Vater von zu Hause geholt und bezichtigt, dass er ein Fahrrad gestohlen hätte, was natürlich nicht gestimmt hat. So wurden sie schon mal registriert. Ja, Ceijas Mutter hatte dann auch schon Angst. Man wusste nicht, man hörte aber von Leuten, von Verwandten und Bekannten, dass Menschen, besonders Männer, abgeholt werden und in die Konzentrationslager gebracht werden. Sie wussten nicht, was ein Konzentrationslager ist. Damals hatten sie natürlich keine Ahnung. 1941 wurde ihr Vater verhaftet. Man holte ihn ab von dem Platz, wo sie mit ihren Wohnwagen in Wien gelagert haben, und haben ihn nach Dachau gebracht. Nicht lange darauf hat die Mutter einen Brief bekommen. Wo er ihr geschrieben hat. Man durfte natürlich nicht alles reinschreiben. Diese Briefe gingen durch die Zensur. Alles, was ihnen nicht gepasst hat, wurde durchgestrichen. Der Vater war aber sehr schlau und er hatte in dem Brief geschrieben: «Liebe Sidi, wie geht’s Dir kate mudaren?» Hier werden Menschen ermordet. So hat die Mutter dann gewusst, wo ihr Mann ist. In was für einer Gefahr er sich befindet. Es war sehr, sehr schrecklich. Es vergingen keine zwei Monate. Die Mutter bekam einen Brief, dass der Vater gestorben sei. Sie haben den Brief geschickt und reingeschrieben, dass er an Lungen-Tuberkulose verstorben sein. Die Mutter konnte sich das gar nicht vorstellen. Ihr Mann war gesund und jung, er hatte nichts. Ja, das war immer der Schmäh von denen. Da drinnen, die geschrieben haben, dass die Leute alle an Tuberkulose gestorben sind oder an irgendeiner schrecklichen Krankheit. Anschließend verging wieder einmal ein Monat, da wurde der Mutter der Anzug, mit dem der Vater verhaftet wurde, und eine Urne geschickt mit der Post. Die Mutter war natürlich ganz fertig und man kann sich das ja gar nicht vorstellen, wie es ihr ging. Sie stand jetzt da, mit sechs Kindern, und hat gewusst, dass der Vater gestorben ist. Ihr Mann. Die Kinder sind alle wie in Trance gewesen und haben geweint und geschrien um ihren Vater. Und an diesem Tag, an dem der Vater begraben werden sollte, die Urne besser gesagt beigesetzt werden sollte, wurden sie verhaftet. Es kam leider nicht mehr dazu.

Nuna und Ceija Stojka (© Nuna Stojka)

Die Lager überleben

Man holte sie mit einem Grünen Henrich, so heißt bei uns ein großer Polizeiwagen. Man hat sie erst in Wien in eine Polizeistation gebracht, die Roßauerlände heißt. Die gibt es heute noch. Dort hat man viele, viele Menschen in einen großen Raum rein zusammengepfercht, bis er ganz voll war, dann wurde der Transport nach Auschwitz organisiert. Ceija kam mit ihrer Mutter, mit ihren Geschwistern nach Auschwitz. Ceija war eineinhalb Jahre mit ihrer Mutter da, mit ihren Geschwistern. Der kleine Bruder, Ossi, der zwei Jahre jünger war als Ceija, der war sieben, Ceija war neun, Ossi ist dort dann am Bauchtyphus wirklich gestorben. Bevor er noch gestorben ist, hat er sich von seiner kleinen Schwester verabschiedet und zu ihr gesagt: «Liebe Ceija, wenn du zuhause bist, dann denkst du an mich, ja?» So ist ihr kleiner Bruder mit sieben Jahren umgekommen in Auschwitz. Die Zeit in Auschwitz, hat sie gesagt, war es sehr, sehr schrecklich für sie alle. Sie hatten jeden Tag Angst, dass man sie in die Gaskammern steckt mit den Juden. Es wurde kein Unterschied gemacht, ob es Juden oder Zigeuner waren. Man hat alle zusammengepfercht. Sie hatten großes Glück, dass sie Auschwitz verlassen konnten.

Sie kamen bald danach nach Ravensbrück, das ein Frauenlager war, wo nur Frauen und Mädchen waren, Kinder. Dort waren sie auch dann, ich glaub ein halbes Jahr waren sie dann noch in Ravensbrück. Und anschließend kamen sie nach Bergen-Belsen. Bergen-Belsen war das letzte Lager, wo sie dann befreit wurde mit ihrer Mutter. Das war im April 1945.

Ceija & Nuna Stojka. Besuch der Gedenkstätte in Auschwitz (© Nuna Stojka)

Das Über-Leben nach dem Krieg

Die Nachkriegszeit war für sie schwierig. Als junge Frau, sie hat eigentlich sehr schnell ihren Sohn bekommen. Sie war 16, als sie Hojda bekommen hat, und hat sich durchschlagen müssen als junge Frau, als junge Mutter. Ja, zwei Jahre später ist ihre Tochter Silvia gekommen. Da war sie achtzehn. Sie war eine ganz junge Frau, was soll ich sagen? Und weil sie sehr lieb und sympathisch und eine hübsche Frau war, hat sie immer wieder etwas verkauft. So hat sie ihre Kinder ernährt und so hat sie sich durchgeschlagen, die ganzen Jahre. Ich glaube, über 30 Jahre, glaube ich, wenn mich nicht alles täuscht, hat sie dann eben als Marktfahrerin gelebt und zwischendurch ist sie auch hausieren gegangen. Das war hier in Österreich, ich glaube auch in Deutschland, so. So haben sich die Leute dann eigentlich alle durchgeschlagen.

Das Schreiben

Zu schreiben angefangen hat sie, da war sie schon 56! Sie war schon eigentlich eine ältere Frau. Aber, es ist ihr immer wieder hochgekommen, was sie erlebt hat, und diese schrecklichen Sachen. Und dann hat sie gesagt, sie will nicht mehr schweigen. Sie will einfach das Ganze loswerden. Und sie hat immer und immer wieder auf so kleine Zettel in ihrer Küche, die sie hatte, etwas aufgeschrieben. So lange, bis es eigentlich so viel war. Ja, dass ein Buch entstanden ist. Das erste Buch, das sie geschrieben hat, «Wir leben im Verborgenen», ist wie eine Bombe eingeschlagen. Sie war eigentlich von dem Roma die erste Romni, die überhaupt über so etwas gesprochen hat und an die Öffentlichkeit gegangen ist. Es kam sehr gut an. Nicht lange darauf hat sie das zweite Buch geschrieben: «Reisende auf dieser Welt». Es folgte noch ein drittes Buch, nur über Bergen-Belsen, und sie hat auch mitgewirkt bei vielen anderen Büchern, die geschrieben wurden. Sie war sehr, sehr vielseitig, und sie war eben darauf erpicht, diese Geschichte an die Jugend weiterzugeben. Ich habe sie 22 Jahre lang begleitet. In Schulen in ganz Österreich, Deutschland, noch viel mehr in Deutschland als in Österreich, wurden wir immer wieder eingeladen. Ich war sogar in Japan mit ihr. Ja, und habe sehr, sehr viel von dieser wunderbaren Frau gelernt. Ich bin ihr sehr dankbar, dass sie mir so viele Sachen beigebracht hat, die ich nicht gewusst habe.

Ceija Stojka (© Nuna Stojka)

Das Malen

Später dann hat sie noch angefangen zu malen. Ihre Zeichnungen, ihre Bilder sind wunderbar. Sie hängen auf der ganzen Welt. Selbst in Amerika und Japan.
Sie war in Japan 1989, wo ich nicht dabei war. Da ist sie mit einer burgenländischen Romni von hier, von Österreich nach Japan geflogen, wo sie eingeladen war. Ceija hat auch dort Schulen besucht und Kindergärten. Als sie Japan verlassen hat, haben Kinder zu ihr gesagt: «Bitte, liebe Tante Ceija, lass uns irgendetwas da, dass uns an dich erinnert.» Und sie hat gesagt: «Okay, ich werde euch ein Bild schicken.» Hatte aber gedacht an meine Tochter und an ihre zweite Enkelin, die Simona, die Kinder waren und damals schon sehr gerne gemalt und gezeichnet haben. Sie hat zu ihnen gesagt: «Bitte malt mir ein Bild, ich muss es nach Japan schicken.» Die Kinder wollten nicht so recht. Und dann hat sie selbst den Stift genommen und das Papier und hat gesagt: «Ceija, du kannst so viel. Du wirst doch ein Bild malen können für die Kinder.» So hat das eigentlich angefangen. So hat sie ihr erstes Bild nach Japan geschickt, in den Kindergarten. Auf einmal ist sie darauf gekommen und hat Lust bekommen. Es hat ihr gefallen zu malen. Dann hat sie Schwarz-Weiß-Bilder gemacht, mit ganz, ganz argen schrecklichen Gesichtern, mit Stiefeln, mit dem Stacheldraht und was sie eben dort erlebt hat. Aus der Sicht eines Kindes. Sie war zehn damals, und so hat sie das auch oft gemalt. Sie hat das ja nie gelernt.
Und natürlich kamen auch schöne bunte Bilder von der Zeit, als sie mit ihren Eltern und Großeltern unterwegs war, in den Ländern mit Wohnwagen, mit Blumen, mit Wiesen. Heute gibt es sehr viele von den Bildern, auch in Deutschland. Wir hatten hier große Ausstellungen überall und sehr viele Menschen haben ihre Bilder auch gekauft, die überall zuhause hängen.

Ceija Stojka in Japan ( © Nuna Stojka )

Ceija Stojkas Signatur – ein Ast

Das ist der Ast von Bergen-Belsen. In Bergen-Belsen, da gab es nichts zu essen. Es kam keiner in die Lager rein und die ganzen Soldaten und die Nazis haben eigentlich alles von draußen dirigiert und sie sind immer herumgegangen in den Lagern. Sie und noch zwei kleine Kinder und haben Essen gesucht. Immer irgendetwas, das sie finden können, das sie was in den Mund stecken können. Und dann haben sie einen Baum entdeckt und dieser Baum war dann ihre Rettung. Auf dem Baum sind kleine Blätter gewachsen und in der Mitte von dem Baum, es war noch ein kleiner Baum, ein junger Baum, ist ein Harz – das war noch so offen, wie soll ich dir das erklären? Wenn ein Baum in der Mitte, oben Richtung Krone so auseinander sich biegt, da ist Harz herausgekommen und dieses Harz haben sie sich herausgeholt und zusammengedreht und dann haben sie das gekaut und die Blätter natürlich. Die Blätter waren dann ihre Nahrung. Und das war eigentlich für sie, ja, ihr Lebensbaum. Der hat gar nicht überlebt. Sie sind immer wieder dorthin gegangen und haben sich ein paar Blätter und Zweige und eben dieses Harz rausgeholt aus dem Baum. Und deswegen, wie ich dann mit ihr in Bergen-Belsen war, da hat sie einen Ast mitgenommen, den sie gefunden hat. In diesem Lager hat sie den gefunden. Das war arg, wie ich da war mit ihr, und sie hat das dann gefunden, irgendwie auf diese Stelle, wo sie waren. Sie konnte sich erinnern, wo diese Hütte war, also diese Baracke, wo sie war mit ihrer Mutter. Der Baum war abgestorben natürlich von den vielen Leichen, die damals dort herumgelegen sind. Aber es gab noch einen kleinen Stumpf, der noch existiert hat, und ein paar so Zweige ganz ausgetrocknet natürlich und nichtssagend, eigentlich. Aber sie hat es so ausgegraben aus der Erde und hat sich diesen Ast mitgenommen. Ja, und das war dann eben ihr Zeichen. Das ist dann immer wieder bei ihren Bildern, bis zum Schluss. Es kann sein, dass sie das zweimal nicht gemacht hat. Aber im Großen und Ganzen hat sie das eigentlich auf allen ihren Bildern gemacht. Es war so wie eine Signatur, ein Zeichen von ihr, mit ihrer Unterschrift. Manchmal hat sie auch nur, also CS, also Ceija Stojka abgekürzt, gar nicht den Namen, dafür aber den Ast.

Nuna & Ceija Stojka (© Nuna Stojka )