
Papusza: Blutige Tränen – Was die Deutschen uns 43 und 44 in Wolhynien angetan haben
Ach, ihr lieben Menschen!
Ich mag nicht von schrecklichen Zeiten erzählen,
meine Seele ist krank,
sie ist dem Weinen nahe.
Doch was soll ich tun? Singen muss ich
auch für die schlechten Menschen, die am Krieg Gefallen finden.
Alle sollen es hören.
Lass nie wieder zu, lieber Gott,
dass irgendjemand Krieg erleben muss,
dieses unermessliche Unglück und diese blutige Träne,
die mit gepeinigter Seele durchmachen mussten
das jüdische Kind
und mit den romane Kindern die Romni.
Ach du mein Lied, mein Trauerlied,
wie ein Land, das die Sonne nie gesehen.
Es schmerzt so sehr, in einer Welt des Krieges zu sein
uns Menschen zittern die Leiber immerfort
und die Seele weint blutige Tränen,
niemand weiß, wo die eigenen Leute sind.
* * *
Im Wald ohne Wasser, ohne Feuer – eine große Hungersnot.
Wo sollen die Kinder schlafen? Es gibt kein Zelt.
Nacht und Tag – unmöglich, ein Feuer anzuzünden,
nachts würde es uns an die Deutschen verraten;
tagsüber wäre es der Rauch.
Wie sollen wir mit Kindern in dem tiefen Winter leben?
Alle barfüßig,
verlassen in der Stadt Włodzimierz.
Als die Deutschen uns töten wollten,
trugen sie uns erst kräftezehrende Arbeiten auf.
Ein Deutscher kam eines Tages zu den Roma gestürzt:
«Ich werde euch etwas Schreckliches sagen.
Diese Nacht wollen sie euch umbringen,
sagt es niemandem,
denn auch ich bin Rom,
ein wahrhaftiger Rom!
Dass Gott euch viel Glück bringe
in der Dunkelheit des Waldes.»
Diese Worte sprach er
und umarmte alle.
Ich ging tief in den Wald hinein,
lange lief ich weinend!
Die Gruppe der Roma versammelte sich,
hundert Menschen alle zusammen.
Vor Tagesanbruch gingen wir in den großen Wald,
alles ließen wir zurück,
weder Wagen noch Pferde blieben uns.
Ein kleines Kind auf dem Rücken, ein anderes auf dem Arm,
so gingen die Roma.
Was sollen wir hier tun?
Die Deutschen sind nicht weit, sie können uns verhaften.
Plötzlich – niemand weiß woher,
taucht eine Partisan:innengruppe auf und eröffnet das Feuer.
Beim Anblick von Kindern und Frauen haben sie begriffen!
Ein brutaler Kampf beginnt.
Die Gruppe Tschapajew kennt keine Furcht!
Sie sprechen mit den Roma, was ist geschehen?
«Die Deutschen wollten uns töten,
im Wald mussten wir uns verstecken.»
«Ihr Armen, so viele, ganze Hundert!»
Wie sollen wir hier leben?
Was essen, was trinken, wie Geld finden?
Bei uns sind zwei arme Juden,
ihre Leute wurden alle getötet.
Die Roma beweinten diese Gräuel in ihren schönen Liedern,
die Vögel trugen diese weit in den Wald hinein,
sagten sie weiter von einem zum anderen.
Schön war diese Nacht,
am Himmel schliefen die Sterne
und mit ihnen im Wald die Roma.
Die Vögel und Kinder haben sie aufgeweckt.
Ein klarer Bach murmelt im anbrechenden Tag,
er summt sein liebliches Lied.
Die romane Kinder fangen Fische,
fröhlich plaudern sie leise über dem Wasser
und vergessen ihr Leid.
Sie ahnen nicht, lieber Gott, was sie erwartet.
Gott allein kann es wissen!
Ach du mein Lied, mein Trauerlied!
Niemand weiß, mein Gott, niemand weiß,
was unsere Seelen plagt!
Zwölf unserer Leute,
zwölf ermordet von den Deutschen.
* * *
Sie verfolgen uns,
doch der Wald ist tief, sie fürchten ihn und kehren um.
Sie umzingeln das Gehölz,
sie kämpfen gegen die Partisanen.
Die Frauen weinen, sie flehen zu Gott,
alle gehen nachts stehlen, kehren aber oft mit leeren Händen zurück.
Zwei Tage, drei Tage ohne etwas zu essen,
alle gehen mit nagendem Hunger schlafen.
Die ganze Nacht lang können sie kein Auge zumachen,
sie starren die Sterne an.
Hab Erbarmen mein Gott, das Leben ist schön!
Doch die Deutschen lassen uns nicht leben!
Sie schlagen uns, sie prügeln uns,
in der Ferne knallen die Schüsse wie meine Lieder.
Ach du, mein kleiner Stern!
Frühmorgens strahlst du
klar über die Welt.
Los, blende die Augen der Deutschen!
Befreie die Straßen von ihrem Gräuel!
Weise ihnen nicht den Weg!
Weise ihnen einen falschen,
sodass die jüdischen und romane Kinder leben können!
Wald, Wald, oh mein Wald,
so weit bist du und voller Blätter!
Und ihr Menschen, was meint ihr?
Wo sollen wir leben, wo sollen wir überleben zu hundert?
Es gab Verzweiflung, aber auch schöne Momente,
wenn das Wetter wärmer wurde,
ein bisschen Sonne, ein paar Tränen.
Ein paar Brombeeren können wir sammeln,
Tee von wilden Kräutern trinken,
Steinpilze genießen, ein bisschen Fisch,
manchmal auch totes Pferd zubereiten,
am Verwesen seit zwei Wochen, oder drei – kostbares Fleisch.
Gegart werden Kartoffeln zum Marzipan der Roma,
zehn, manchmal zwanzig in der Woche
brachten die Roma mit.
Doch wenn der unbarmherzige Winter kommt,
was soll die Romni mit ihren Kindern machen?
Womit soll sie die Kleinen bekleiden?
Alle Kleider sind abgenutzt, verschlissen, die Leiber entblößt,
der Tod erscheint sanfter.
Von unserem ungewissen Schicksal könnte allein der Himmel erzählen,
und allein der Bach ist Zeuge der vielen Tränen.
Welcher böse Blick hat uns verflucht?
Welche Lippen haben uns verdammt?
Lieber Gott, hör nicht auf sie!
Erhöre uns stattdessen!
Die Nacht wird eisig.
Die alten Frauen beginnen zu singen
von einer alten romani Erzählung.
Der Winter kommt goldbestickt,
Schnee fällt auf die Erde, auf unsere Hände,
winzigen Sternen gleich.
Die schwarzen Augen gefrieren,
die kleinen Seelen sterben.
An diesem Tag sagte uns ein Partisan der Gruppe Tschapajew,
wir sollen die Gleise überqueren.
Eine weitere Nacht, es ist wahr, haben wir nicht geschlafen.
Dichter Schnee ist gefallen,
er hat alles bedeckt.
Nur die Milchstraße war zu sehen, hoch dort oben.
Sie laufen, sie summen ein Lied.
In der Nähe bricht ein heftiges Feuergefecht aus.
Alle werfen sich zu Boden, halten den Kindern den Mund zu,
alle starr vor Schreck, in Todesangst.
In dieser eisigen Nacht
starb ein kleines Mädchen,
und vier Tage später
bestatteten die Frauen vier Kinder
in einem Grab aus Schnee.
Vier auf einmal
am selben Tag begraben!
Sieh her, oh Sonne, wie ohne dich
das romani Kind erfriert
im endlosen Wald!
Der Vogel hört die Klagen der Eltern,
der Bach hört sie und der Wald schluchzt ein Trauerlied
und trägt es weit über die Grenzen.
Warum weint der Wald?
Weil die Romni weint.
Mehr als eine Kugel streifte ihren Kopf und den ihrer Leute,
blinden Vögeln gleich,
mehr als eine blutige Träne wurde vergossen, vergeblich…
Doch die Romni geht nicht mehr ins Dorf,
jede Woche findet sie etwas Nahrung –
ein Aas im Gehölz, totes Pferd,
und ein wenig Salz oder vergessene Weizenkörner.
Oder eine Waldpflanze
oder auch einen Igel, dieses Ferkel der Büsche.
***
Aus der Nacht stieg die Sonne auf,
der Wald erstrahlte in weißem Glanz,
lieber will ich in den Wald zurückkehren,
und dass die Wölfe mich zerreißen,
als in diesen Häusern verrotten.
Im frischen Blut liegen hier und da Menschen,
wie in Brunnen.
Einmal erschien der Mond in meinem Fenster,
ich kann nicht schlafen. Von draußen sieht mich jemand an.
Ich frage: «Wer ist da?»
«Öffne die Tür, meine liebe kleine Romni!»
Ich schaue hin, es ist eine liebliche kleine Jüdin.
Sie zittert, sie schlottert,
sie braucht Essen.
«Meine arme Jüdin, welch Unglück geschieht dir!»
Ich gebe ihr Brot, was ich habe, ein Hemd.
Alle beide vergaßen wir,
dass ganz in unserer Nähe die Nazis Wache hielten.
Doch in dieser Nacht kamen sie nicht zu uns.
«Meine liebe Romni!
Lass mich dich küssen für deine Güte!
Du hast Angst und ich habe Angst.
Jede Woche werde ich kommen, im Dunkeln.
Du weißt nicht etwa, wo die Partisanen sind?»
«Wir marschierten mit ihnen.
Doch sie gingen weiter,
als wir uns schlafen legten.»
* * *
Ich wurde krank und nach mir alle meine Leute,
Gott sei Dank ist niemand gestorben.
Sechs lange Wochen lagen alle im Bett,
ausgekochte Brombeerzweige haben uns geheilt.
Und Gott gab uns einen warmen Frühling.
Schneeflecken hier und da.
Die Gadje kommen unter unsere Fenster,
sie schauen aus der Ferne, sie fragen:
«Wer sind diese Roma?» und bekreuzigen sich.
Doch nach und nach vergessen die Roma,
sie rufen einander mit ihren polnischen Namen:
Janek, Bronia, Krzysia, Zosia…
Meinen Namen aber verstehen sie nicht –
meinen seligen romano Namen.
Doch die Gadje hatten eine wahre Freude daran,
alle Roma zu töten.
Sie ließen sie Gräber graben,
sie wollten uns töten.
Wie viele Tränen wurden da vergossen!
Doch die Gadje ließen sich nicht erweichen.
Unsere Männer, unsere Frauen, liegen krank
auf dem Boden am helllichten Tage.
Es wurde gemordet, Nacht für Nacht.
Die Roma fallen auf die Knie, sie flehen Gott an,
sie weinen blutige Tränen.
Oh, wie viel besser erging es uns tief im Wald,
als mit diesen Gadje, die unsere Leiber zugrunde richten!
Doch wir haben keine Angst, kämpft mit der Axt in der Hand!
Sollen sie kommen uns zu töten,
und als Nächstes die Kinder.
* * *
Die Dunkelheit lichtete sich.
Eine andere Romni und ich –
ihre Seele ruhe in Frieden
bei Gott,
denn die Arme ist nicht mehr von dieser Welt,
wir standen im Dunkeln auf, wir brachen auf,
doch unsere Seelen waren schwarz vor Angst,
so finster wie diese Nacht, so schwer und undurchdringlich.
Schnell schlugen wir den Weg ein,
den die Tschapajew-Partisanen genommen hatten.
Oh du finstere Nacht!
Und du Lied, mein Lied!
All die Vöglein
beten zu Gott für unsere Kinder,
dass die bösen Schlangen und die Gadje sie verschonen.
He, Unglück unserer Leute!
He du, mein unglückseliges Schicksal!
«Hör mir zu, meine Liebe, wir müssen zurückkehren,
wir dürfen uns nicht verlieren, wir beiden, fern von den anderen.
Es ist besser, wir sind alle zusammen,
wenn wir uns zusammenschließen, wird alles besser werden.»
He du, mein Weg,
zeig uns einen Soldaten mit Herz,
der uns die Hand reicht!
Alle gemeinsam stimmten wir dieses Lied an,
die Tschapajew-Kämpfer und alle Roma,
alle gaben einander die Hand
dort, wo sich die Wege kreuzen,
und alle gingen, wohin der Blick sie trug.
* * *
Wir stießen auf polnische Soldaten,
dort blieben wir zwei Wochen.
Die Soldaten waren gekleidet wie die Deutschen,
außer unserem Adler auf ihren Mützen.
Der Schnee fiel in dicken schweren Flocken und versperrte uns den Weg.
Ein Schnee so dicht, dass er die Räder verschluckte.
Wir mussten unseren Weg mit den Füßen freischaufeln
und dann die Wagen hinter den Pferden schieben.
Wie viel Not und Hunger!
Wie viele Qualen und Wege!
Wie viele spitze Steine haben uns die Füße geschunden!
Wie viele, viele Kugeln sind uns um die Ohren gepfiffen!
Dass alle Roma zu mir kommen,
wie zu einem Wald, in dem ein großes Feuer lodert,
und der ganz im Sonnenlicht erstrahlt.
Dass auf den Ruf meines Liedes
alle Roma sich versammeln
und meine Botschaft hören.
* * *
Gib uns, lieber Gott, eine schöne warme Jahreszeit,
dass mein zerrissenes Zelt endlich trocknet.
Ein feiner Regen nieselte,
der die Kinder durchnässte.
Er trug mein Lied im Nebel fort
zu all den reichen Roma,
die neue Zelte besitzen.
Sie verstehen nicht, wer wahrhaftig reich ist:
Jene, die im Überfluss leben, oder jene,
die Vernunft und Weißbrot in ihren Händen halten.
Wie der Wald singt, so tanzen die Roma,
leicht wie eine Feder, schwer wie ein Stein,
so entbrennen sie vor Liebe,
wie eine lebendige Flamme.
Es ist nun an uns, in Häusern zu leben,
unser schönstes Lied zu singen,
Bücher zu lesen und zu erzählen.
Wir sind an der Reihe, liebe Menschen,
dieser neuen Welt unsere eigene Erzählung hinzuzufügen.
Papùśa (Bronislawa Wajs) (2011): Larmes de Sang/Ratvale Jasva. In: Routes d’antan/Xargatune Droma. L’Harmattan, Paris. S. 66–81.
Übersetzung ins Deutsche von Inga Frohn unter Mitarbeit von Elsa Fernandez. Diese Übersetzung ins Deutsche basiert auf der 2010 erschienen französischen Übersetzung von Marcel Courthiade unter Berücksichtigung der Originalfassung auf Romanes.
Der Gebrauch der aus dem Romanes entlehnten Adjektive «romano» (männlich), «romani» (weiblich und neutral), «romane» (Plural) wurde aus «Fragmente über das Überleben» (Fernandez 2020) übernommen.