Melanie Spitta

  • Rosa Keck u0026 Melanie Spitta (© Carmen Spitta)

Meine Großmutter Rosa Keck

Sie ist damals mit ihrer Familie von Belgien nach Auschwitz deportiert worden. Von Auschwitz kam sie nach Ravensbrück und Bergen-Belsen. In Bergen-Belsen wurde sie dann von den Amerikanern befreit. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie ihre Mutter, ihre beiden Söhne, den einen Sohn hat meine Großmutter in Auschwitz geboren, ihre Geschwister zum größten Teil, ihre Nichten, Neffen, und Cousinen alle in Auschwitz verloren. Es ist ein Wunder, dass meine Großmutter nicht sterilisiert worden ist. Sie ist davongekommen, sonst wäre meine Mutter nicht 1946 geboren worden.

Nach 1945

Meine Großmutter ist von Soltau, wo sie in der Klinik wegen ihrer Tuberkulose, die sie sich im Lager geholt hat, und wegen Ohrendiphterie behandelt worden ist, zurück nach Hasselt gegangen, wo die ganze Familie gelebt hat, bevor sie deportiert worden sind. Dort lebte sie dann in dem Haus von Tante Melanie und Onkel Arthur, so nenne ich sie – sie leben auch nicht mehr – Belgier, die meine Familie aufgenommen haben. Dort ist auch meine Mutter geboren, in Hasselt, und meine Großmutter, weil die Nazis aus ihr ein Wrack gemacht haben, war zu schwach, meiner Mutter Muttermilch zu geben. Das hat dann Tante Melanie übernommen. Sie hatte nämlich zu dem Zeitpunkt auch eine Tochter geboren, Christianne, die ich auch kenne, und dann hat sie meiner Mama ihre Milch gegeben. Diese Geschichte hat mir meine Mama immer erzählt, ich fand sie ganz bewegend und rührend. Bis zum dritten oder vierten Lebensjahr hat meine Mama mit meiner Großmutter, mit meiner Mami [Mami bedeutet auf Romanes Großmutter] Rosa in Hasselt gelebt, glücklich und zufrieden. Dann kam endlich mein Großonkel, mein Ziehgroßvater, mein Papo [auf Romanes Großvater] Walter Keck, das ist der Bruder von meiner Großmutter gewesen, er hat nämlich ausfindig gemacht, wo sie ist, und hat sie dann zu sich geholt nach Düren. Mein Großonkel Walter Keck hat seine gesamte Familie auch in Auschwitz verloren.

Meine Mama Melanie Spitta

Krankheit in der Kindheit und Jugend

Meine Mama ist 1946, am 2. Juni, in Hasselt/Belgien geboren. Sie hat sich im Mutterleib ihrer Mutter an Tuberkulose angesteckt und das Leben meiner Mutter hing am seidenen Faden. Schwer krank wurde sie natürlich von Krankenhaus zu Krankenhaus gebracht. Sie hatten schöne gemeinsame Jahre, bis 1958, als meine Großmutter dann gestorben ist. Das hat meine Mama auch nie verkraftet.

Jugend in Sanatorien wegen der Lungenkrankheit

Sie kam dann in viele Sanatorien, auch in der Norderney, weil Nordseeküste oder Küste, Meeresluft sollte gut sein für die Lunge, nur wurde sie dort getriezt und auch misshandelt. Nicht nur sie, sondern alle Heimkinder. Das ist ja auch bewiesen jetzt – das hat sie auch immer wiederholt, wie furchtbar diese Zeit war. Wie diese Krankenschwestern, sie nannte sie immer Oberaufseherinnen, mit den Kindern qualvoll umgegangen sind. Wie man sie getriezt hat und misshandelt. Das hat sie immer wieder gesagt, wie sie darunter gelitten hat und dass das eine sehr, sehr schwere Zeit war, wie sie sich durchsetzen musste gegenüber diesen Schwestern und auch gegenüber den Deutschen.

Gewalt in der Schule und Zuhause

In der Schule in Düren wurde sie auch von klein auf gehänselt: «Zick-Zack-Zigeunerpack.» Das hat sie auch immer hier erzählt am Esstisch, wie sie gequält worden ist und wie sie sich durchsetzte und immer schon gewehrt hat gegen diese Machenschaften und Triezereien. Es war nicht leicht, es war überhaupt nicht leicht für sie, auch in dieser Macho-Gesellschaft. Auch als Kind und Jugendliche nicht. Sie ist auch sehr früh von Zuhause weggegangen, schwer krank, wie sie war, bevor sie diese ganz schwere Operation hatte mit 17, 18 Jahren, und es war nicht einfach, auch mit ihrem Ziehvater. Sie durfte nicht mit den anderen Kindern spielen oder, wenn sie nicht pünktlich nach Hause gekommen ist aus der Schule, gab’s auch gleich eins drauf. Es war nicht einfach, es war absolut nicht einfach für sie, und sie vermisste ihre Mutter sehr.

Albträume

Sie träumte auch viel. Sie hat sehr viel von ihrer Mutter geträumt und dem ganzen Leid. Mama hatte mir immer erzählt, wie furchtbar es war. Auch die Nächte, wie sie wach lag, meine Großmutter, und sie erzählte, wie qualvoll die Oberaufseherinnen mit ihr auch in Bergen-Belsen umgegangen sind. Da sagte auch meine Mami: Das war die schlimmste Zeit, in Bergen-Belsen. Da wäre sie zugrunde gegangen, obwohl sie ja schon ein Wrack war, ihre Kinder, ihre Mutter und den Rest der Familie verloren hatte, kämpfte sie ums Überleben.

Melanie Spittas Film- und Bürger:innenrechtsarbeit

Melanie Spitta, als eine frei entscheidende deutsche Sintizza, engagierte sie sich schon früh in der Bürgerrechtsbewegung. Sie nahm am ersten Roma-Weltkongress in der Nähe von London teil, bei dem zum ersten Mal die verschiedenen Gruppen ihres Volkes, unseres Volkes zusammengekommen waren. Sie war Mitarbeiterin beim United States Holocaust Memorial Museum in Washington für die Abteilung der Verfolgung von Rom*nja und Sinti*zze und sie war Mitglied der internationalen Romani Weltunion und des Romani Pen. Im Dezember 1999 erhielt meine Mama den ersten von Günter Grass gestifteten Roma-Kulturpreis, den Otto Pankok Preis.

Meine Mutter produzierte zwischen 1980 und 1987, gemeinsam mit Katrin Seybold, vier Dokumentarfilme, die sich mit dem nationalsozialistischen Genozid an unseren Menschen und mit dem Rassismus gegen Sinti*zze und Rom*nja beschäftigten. Sie wollte allen zeigen, was unseren Menschen im Nationalsozialismus angetan wurde, und wie der Rassismus auch in der Zeit danach fortlebte. Die Filme entstanden zwischen den Jahren 1980 und 1987.

Filme von Melanie Spitta und Katrin Seybold

Schimpft uns nicht Zigeuner (43 min, 1980)
Wir sind Sintikinder und keine Zigeuner (21 min, 1981)
Es ging Tag und Nacht, liebes Kind: Zigeuner (Sinti) in Auschwitz (75 min, 1982)
Das falsche Wort: Wiedergutmachung an Zigeunern (Sinti) in Deutschland? (ZDF, 83 min, 1987) Regie: Katrin Seybold, Drehbuch: Melanie Spitta, Darsteller: Thomas Münz; Melanie Spitta

An dem Dokumentarfilm: «Das falsche Wort» arbeitete meine Mutter fünf Jahre lang, sie besuchte etliche Archive und erfuhr so aus den Nazi-Dokumenten auch viele Einzelheiten über die Deportation und Ermordung unserer Familienmitglieder. Viele der Dokumente, die sie fand, waren der Öffentlichkeit nicht bekannt. Damals war der Völkermord nicht so anerkannt wie heute, den Opfern, die überlebt hatten, wurde ja die Entschädigung verweigert. Die Täter:innen blieben ungestraft und konnten ihre Karrieren weiter aufbauen, während die Opfer in Krankheit, Armut und unter weiterer Diskriminierung lebten. Alles das wollte meine Mutter öffentlich machen. Sie wollte die Erinnerungen der Menschen, die überlebt haben, erhalten, den Genozid anhand der Dokumente nachweisen und auch die Kontinuitäten von Rassismus in der Zeit danach thematisieren.
1996 nahm sie auch an dem ersten bundesweiten Romnja-Kongress in Köln teil, bei dem sie über ihre Erinnerungsarbeit sprach und sich mit anderen bedeutenden Bürgerrechtlerinnen wie Ceija Stojka oder engagierten Künstlerinnen wie Esma Redžepova vernetzte. Dieser Kongress ist in der Jek Čhib von 1996 dokumentiert.
2005 verstarb meine Mutter an den Folgen der Lungenerkrankung, die sie sich bereits im Mutterleib zugezogen hatte.